news newsletter concerts biography discography southern cross literature writings

>> press <<

 

Ni Gudix interviewed Phil Shoenfelt 06/2006

"Ich bin doch keine GewÀchshauspflanze!"

NĂ­ Gudix sprach mit dem Musiker und Schriftsteller Phil Shoenfelt ĂŒber Australien, die Sechzigerjahre, Prag, Drogen, Punk, den Roman JUNKIE LOVE und Frank Bröker

Hallo Phil. Wie kommt ein aus Bradford stammender Ex-Punk-Musiker, der sowohl in New York als auch in London gelebt hat, jetzt ausgerechnet nach Prag? Was war es, das dich ins "Alte Europa" zog? Wie gefÀlltŽs dir hier? Kannst du tschechisch?

Nun, im Sommer 1994 war ich auf Tour in Tschechien, eine tschechische Band mit Namen TichĂĄ Dohoda hatte mich begleitet. Davor war ich in Prag gewesen, hatte dort eine Freundin besucht und eine meiner CDs bei Radio 1, dem hiesigen Independentsender, untergebracht. Meine Songs wurden ziemlich oft gespielt, weshalb mir dann die erwĂ€hnte Tour angeboten wurde. Am letzten Tag dieser Tour traf ich die Frau, mit der ich jetzt verheiratet bin, die KĂŒnstlerin und KostĂŒmdesignerin Jolana IzbickĂĄ. Zu dem Zeitpunkt ging mir London mĂ€chtig auf die Senkel, und nachdem ich und Jolana uns gegenseitig ein paarmal besucht und dabei herausgefunden hatten, daß wir gut zusammen tickten, beschloß ich, ganz nach Prag zu ziehen. Im August 1995 warÂŽs dann soweit. Das Leben hier ist wirklich wesentlich entspannter als das in London. Ich liebe das Flair hier, ich liebe die Tschechen, und ich hab hier auch viel mehr Zeit zum Komponieren, Dichten und AmĂŒsieren. In London hat man entweder einen guten Job, viel Geld und nie eine freie Minute, oder aber man ist arbeitslos, hat viel Zeit, aber keinen Pfennig, weil die Lebenshaltungskosten so hoch sind. Ein Nachteil ist natĂŒrlich, daß es in Prag schwieriger ist, bestimmte BĂŒcher oder CDs zu finden – aber mit Internet ist auch das kein Problem mehr. Inzwischen kann ich auch ein wenig Tschechisch, aber nicht besonders gut – es ist wirklich eine schwierige Sprache, mit sieben DeklinationsfĂ€llen und vier (?!) Geschlechtern, und abgesehen davon bin ich auch ziemlich schwer von KapĂ©e, was das Lernen einer neuen Sprache betrifft, das fiel mir noch nie leicht.

Du bist 1952 in England geboren und in den Siebzigern "mit der Punkszene kollidiert". Was geschah zwischen diesen beiden Zeitpunkten? Was hast du gemacht, nachdem du mit der Schule fertig warst? Und wie sah diese "Kollision" genau aus – bist du auf der Straße mit Sid Vicious zusammengestoßen und hast dich anschließend mit den Sex Pistols besoffen, oder wie? Haha!

Aufgewachsen bin ich hauptsĂ€chlich in Worcester, einer kleinen Stadt in Mittelengland; man kennt den Namen von der dort ansĂ€ssigen Porzellanmanufaktur und der Soße. Als ich elf war, kam ich in die Worcester Royal Grammar School, wo Latein, Geschichte des Altertums und klassische Literatur zu den PflichtfĂ€chern gehörten; außerdem wurde dort Rugby und Kricket gespielt. Es ging da sehr streng zu damals – die Lehrer und PrĂ€fekten zĂŒchtigten uns mit dem Stock, MĂ€dchen gab es nicht, wir trugen eine affige Uniform und mußten ununterbrochen Zeug ĂŒber die Liebe zum Vaterland und den lĂ€ngst verflossenen Ruhm des britischen Empires herunterbeten. Außerdem wurden wir, was ich besonders haßte, in militĂ€rische Grundausbildungskurse gesteckt – ich kam mir da vor wie in einer preußischen Soldatenschmiede im 19. Jahrhundert! Aber gegen Ende der 60er Jahre haben wir diesen ganzen Drill dann unterwandert, gekifft, Trips eingeschmissen und uns die Haare wachsen lassen. Und natĂŒrlich alternative Literatur gelesen, wie Oz, Independent Times oder Timothy Leary, Burroughs und Kerouac. Revolution lag in der Luft, und als wir mit achtzehn mit der Schule fertig waren, hatten wir die Lehrer und den Rektor soweit gebracht, daß sie reif waren fĂŒr die Nervenheilklapse.
Danach schwanzte ich etwa ein Jahr lang durch Europa und Nordafrika. Jean Genet war mein Gott, Tagebuch eines Gauners meine Bibel, und wenn ich kein Geld fĂŒr Essen hatte, klaute ich mir schon mal was im Supermarkt zusammen oder stibitzte mir Äpfel und Orangen aus den Auslagen der GrĂŒnzeughĂ€ndler. Ich schlief unter BrĂŒcken und in Abbruchlauben, ging, wohin ich Lust hatte, und traf unterwegs viele gleichgesinnte Hippies – nach den Jahren in dieser muffigen Penne war das wirklich eine schöne Zeit. Schließlich beschloß ich, nach England zurĂŒckzukehren, und schrieb mich fĂŒr Kunst an der Uni Manchester ein. Nach dem Studium begab ich mich wieder nach Marokko. Einige Monate spĂ€ter zog ich dann nach London und begann in einem Sexshop in Soho zu arbeiten, wo ich dĂŒmmliche Pornoheftchen verkaufte und alles Mögliche machte, nur keine "vernĂŒnftige Arbeit"! 1976 war das, ich war 23 und rutschte so mitten in die aufkommende Punkbewegung hinein. Viele Punkclubs, wie Roxy and the Vortex etwa, befanden sich in Soho, also haute ich dort allnĂ€chtlich mein sauer ergaunertes Geld auf den Kopf und hottete pogostampfend zu Bands wie The Clash, Siouxsie and the Banshees, The Buzzcocks, Johnny Thunders and the Heartbreakers ab. Die Sex Pistols hab ich leider nie gesehen, Sid und Nancy dagegen oft im CafĂ© Centrale am Cambridge Circus, wo sie ĂŒber einem Teller Spaghetti Bolognese schnarchten.

Wer waren deine ersten musikalischen Vorbilder? Haben dich die Beatles und die Rolling Stones und diese anderen britischen Bands der 60er beeinflußt?

Na klar! Mit zehn bekam ich meine erste Gitarre, und noch in der Grundschule grĂŒndete ich eine Band namens "The Feendz". Meine absoluten Helden waren die Stones, aber die Beatles, die Dave Clark Five, die Searchers oder Gerry and the Pacemakers waren auch klasse. Auch die Exoten wie Bo Diddley und James Brown wurden von mir vergöttert. Der Musiklehrer ließ uns jeden Freitagnachmittag vor der Klasse auftreten, und schnell hatte ich raus, daß man als Gitarrengott von den MĂ€dchen auch dann angehimmelt wird, wenn man nicht gerade dem klassischen Schönheitsideal entspricht. Die Sportskanonen unter den Jungs konnten uns nicht leiden, vor allem, nachdem wir die Stadterlaubnis bekommen hatten, am Samstagmorgen im Dorfkino MatinĂ©es zu geben. Die kleinen MĂ€dchen standen unten und kreischten, wie sie das von ihren großen Schwestern abgeguckt hatten, die dasselbe bei den Beatles- und Stones-Konzerten machten. Unser Honorar bestand aus Eis und Schokolade, und es war himmlisch!

Wie muß man sich deine Eltern vorstellen – bist du erst durch sie zum Rebellen geworden, oder waren sie eher tolerante und liberale Zuhörer, die verstanden, was du tatest und tun mußtest und dich unterstĂŒtzten?

Meine Eltern waren ziemlich cool, obwohl ich oft in hitzige Streitereien mit meinem Vater geriet. Mutter war eine einfĂŒhlsame und poetische Seele, Vater eher ein Exemplar der prosaisch-rauhen, abgearbeiteten, typisch nordenglischen Spezies Mensch. Er war der Meinung, ich solle so bald als möglich von der Schule abgehen und einen anstĂ€ndigen Beruf ergreifen. Er selbst hatte mit 14 bei der Eisenbahn zu malochen begonnen, bevor er eine Ausbildung zum technischen Zeichner gemacht hatte. Meine Mutter war nicht so arbeiterklasseorientiert gewesen, sie hatte mich dazu angehalten, BĂŒcher zu lesen und mir klassische Musik anzuhören, und sie wollte auch, daß ich die Uni besuchte; und am Ende hatten ihre Argumente schwerer gewogen als die von Vater. Mutter starb 1997, und ich vermisse sie immer noch ziemlich. Doch im RĂŒckblick kann ich heute auch die pragmatischen Ansichten meines Vaters verstehen, und ich denke, daß er mir vor allem CharakterstĂ€rke und RĂŒckgrat eingeimpft hat – spĂ€ter, als ich mich nach 11 Jahren HeroinabhĂ€ngigkeit dazu durchrang, den endgĂŒltigen Absprung von den Drogen zu machen, sollte dies besonders nĂŒtzlich sein. Aber wĂ€hrend meiner Teenagerzeit hatten wir oft göttliche KrĂ€che, besonders als ich mit 16 kiffte und MĂ€dchen in mein Zimmer schmuggelte.

Das Thema Heroin haben wir nun schon angeschnitten. Du hast ĂŒber deine Zeit als HeroinsĂŒchtiger in London und New York ein Buch geschrieben mit dem Titel JUNKIE LOVE (zu deutsch: FIXERLiEBE), in dem du teils authentisch, teils fiktiv deine eigene Hölle beschreibst. Phil, der Protagonist, kommt aus NY nach London zurĂŒck, seine Frau hat ihn verlassen, weil sie es nicht mehr ertrĂ€gt, mit einem Junkie zusammenzuleben; Phil entzieht, malocht in einer T-Shirt-Fabrik, bis er wieder mit seiner alten Liebe Cissy zusammenprallt. Er zieht mit ihr in ein besetztes Haus und droht erneut im Drogensumpf unterzugehen; schließlich bekommt er es doch noch auf die Reihe, auf die Bremse zu treten, bevor es zu spĂ€t ist. Wieviel von dir selbst befindet sich in dieser Geschichte? Gab es Cissy, das besetzte Haus und diese ganzen schrĂ€gen Vögel wie Dave den DrĂŒckeberger und Bela tatsĂ€chlich? Weißt du, was aus "Cissy" geworden ist, was sie heute macht, ob sie es ebenfalls geschafft hat, vom Heroin runterzukommen?

Tja, so wie ich die Dinge in JUNKIE LOVE beschrieben habe, waren sie grĂ¶ĂŸtenteils tatsĂ€chlich. Cissy hieß mit echtem Namen Claudia, sie war die Frau, mit der ich damals zwei Jahre lang zusammengelebt habe, und ich denke, daß ich da ein ziemlich wahrheitsgetreues Bild von ihr gezeichnet habe. Wo sie jetzt ist, weiß ich allerdings nicht. Nachdem es zwischen uns aus gewesen war (und der Krach war tatsĂ€chlich so verlaufen, wie es im Buch steht), bin ich aus der Kolchose ausgezogen und habe die nĂ€chsten zwei Monate damit zugebracht, meine Dosis Methadon pro Tag schrittweise zu reduzieren, bis ich auf einem Tropfen tĂ€glich angelangt war – einem Tropfen, wirklich wahr. Dann dachte ich erst "hey, das war aber einfach diesmal!" – doch zwei Tage spĂ€ter schlugen die EntzugskrĂ€mpfe zu. Sie waren zwar nicht ganz so schlimm, als wenn ich direkt von zwei halben Halben Heroin pro Tag auf nichts runtergegangen wĂ€re, aber dennoch waren sie schlimm genug. Das Problem ist eben, daß Methadon viel lĂ€nger im Körper prĂ€sent bleibt und es Wochen dauert, bis man tatsĂ€chlich entgiftet ist; die Schmerzen sind zwar ertrĂ€glich, wenn man den Stoff schrittweise reduziert hat, aber sie gehen andererseits eben auch ewiglang nicht vollends weg. Mich plagten sie ungefĂ€hr drei Wochen – das war so ungefĂ€hr vergleichbar mit einer ĂŒblen Grippe plus AlbtrĂ€ume, Selbsthaß, SchweißausbrĂŒche und die UnfĂ€higkeit, lĂ€nger als dreißig Sekunden am StĂŒck bequem zu liegen. Das ging so weier und schien kein Ende zu nehmen, jede Stunde kam mir wie ein Tag vor und jeder Tag wie ein Jahr. Manchmal schien es mir, daß es gescheiter gewesen wĂ€re, direkt vom H aus kalten Entzug zu machen – dann hĂ€tte ich es in acht oder zehn Tagen schon hinter mir gehabt.
WĂ€hrend ich mich also beim Entzug vergnĂŒgte, lebte Cissy/Claudia noch immer in der Kolchose, ihr ChĂ©ri beklaute sie dann, so daß sie alles verlor, aber irgendwie schaffte sie es, nach New York zurĂŒckzugelangen. 1989, als ich in NYC Station machte, hab ich sie zum letzten Mal getroffen. Sie sah zwar fertig aus, aber zumindest war sie clean – jedenfalls erzĂ€hlte sie mir, daß sie jetzt "nur noch hin und wieder fixe", was in meinen Augen allerdings das Gegenteil von clean ist. Die einzig wirksame Methode, mit Heroin wirklich aufzuhören, ist, es nie mehr wieder anzurĂŒhren, nicht einmal mehr ein einziges Mal im Leben. Jedenfalls wenn man sowas wie ein Leben haben möchte. Was Claudia jetzt macht, wĂŒĂŸte ich allerdings auch gerne; wir haben jeden Kontakt zueinander verloren. Ich hoffe, daß sie noch lebt, daß es ihr gut geht und all das, aber irgendwie bezweifle ich das. Was die anderen Gestalten im Buch betrifft: einige, wie Dave der DrĂŒckeberger oder Bela, gab es wirklich so, wie ich sie beschrieben habe; andere, wie Samy der Somerstowner, stimmen teilweise mit ihren realen Alter Egos ĂŒberein; wieder andere hab ich komplett erfunden, ein paar Junkieklischees mĂŒssen ja auch sein. Ich hab die Namen geĂ€ndert, um die Schuldigen zu schĂŒtzen, und ich hab auch die Zeitabfolgen geĂ€ndert, um dem ganzen einen belletristischen Touch zu verpassen. Außerdem mußte ich ziemlich viel wegkĂŒrzen, denn es war einfach zu viel passiert – am Ende wĂ€re noch ein zweites Krieg und Frieden draus geworden, wenn ich mich zu sehr hĂ€tte hinreißen lassen. Ich wollte nur die Essenz eines Junkiedaseins in der komplexesten und dichtestmöglichen Form wiedergeben. Aber dennoch ist das meiste im Buch so passiert, wie ich es geschildert habe.

Wie alt warst du, als du zum ersten Mal Heroin genommen hast? Du warst ja nicht einer dieser pubertierenden DrogensĂŒchtigen wie z.B. Christiane F., die in Deutschland 1977 mit ihrem Buch WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO bekannt geworden war und die mit 14 zum ersten Mal H gespritzt hatte.

Nein, ich war gottseidank schon 24, als ich zum erstenmal Heroin nahm. Zu dem Zeitpunkt war ich mit meiner Ausbildung bereits fertig. Wenn ich als Teenager angefangen hĂ€tte zu fixen, dann hĂ€tte ich, so wie ich mich kenne, wohl nicht einmal die High School zu Ende gebracht, geschweige denn das Studium. Die Kinder, die mit harten Drogen anfangen und noch nicht einmal richtig in der PubertĂ€t sind, tun mir leid. Ich war zumindest nicht völlig uferlos, ich kam aus einer intakten Familie und hatte eine Ahnung von dem, wer und was ich war und was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Der Grund fĂŒr mein allererstes Mal Heroin war dabei lĂ€cherlich: ich nahm es als Medizin gegen einen Kater! Ich arbeitete damals bei diesem Sexshop und hatte in der Nacht zuvor heftig gesoffen, also hielt ich mir den BrummschĂ€del, eierte zu einem Freund in einem der benachbarten Sexshops und fragte ihn, ob er nicht zufĂ€llig ein Aspirin da habe. Er sagte nein, aber wenn ich ein wenig von dem Zeug schnupfen wĂŒrde, das er hier habe, dann wĂ€re ich mein Kopfweh in zwei Sekunden los. Und so geschah es! Ich schnupfte nur so viel, wie auf die Spitze eines Streichholzes paßt – es war wirklich guter Stoff -, und obwohl ich die nĂ€chsten paar Stunden reihernd ĂŒberm Klo hing, fĂŒhlte ich mich großartig, wie Gott auf seinem Wolkenthron! Ich war voll von jener wunderbaren Selbstsicherheit und Arroganz, die Welt schnurrte zu einem belĂ€chelnswerten Nichts zusammen, und die ganzen hĂ€ĂŸlichen Arschgesichter da unten, die in ihre dummen und profanen Jobs rannten, gingen mir am Heck vorbei. Hemmungsloser Narzißmus, grĂ¶ĂŸenwahnsinnige Verachtung fĂŒr den Rest der Welt und das Auslöschen jeglicher Selbstzweifel – das ist es, was Heroin einem gibt, und deshalb ist es auch eine so beliebte Droge bei Leuten mit PersönlichkeitsknĂ€cksen und Minderwertigkeitskomplexen. Hitler und seine Kollegen waren im II. Weltkrieg zu einem Großteil auf Morphium, und ich bin mir sicher, daß die Arroganz und die AbgeklĂ€rtheit, die man durch Opiate erwirbt, der Grund war, warum sie fĂŒr die Schrecken des Holocaust immun waren. Wenn man auf H ist, ist einem alles andere wurscht, dann wird man zu einem egoistischen Monster und kann auch ohne jedes Mitleid töten, denn das Herz wird zu Stein und die Seele verschwindet. Gottseidank sind die meisten Junkies zu lethargisch dazu, sie haben kein Interesse daran, Massenmord aus ideologischen GrĂŒnden zu begehen oder die Welt zu retten – ihr Augenmerk ist nur darauf gerichtet, wie sie das Geld fĂŒr den nĂ€chsten Schuß zusammenkriegen; einen Masterplan haben sie keinen, dem Herrgott sei's gedankt!

Was sagst du zu diesem Satz aus Christiane Fs Buch: "Wenn man aufhören will, muß man wissen, wofĂŒr. Ich weiß es nicht. Also versuch ich es auch nicht."

Jedem das Seine. Ich fĂŒr meinen Teil stellte fest, daß ich, wenn ich nicht umgehend mit Fixen aufhörte, verrecken wĂŒrde – wenn nicht schnell durch eine Überdosis, dann eben durch einen schleichenden Tod, durch Armut, Krankheit, Betteln und Obdachlosigkeit. Also beschloß ich, statt dessen das Leben zu wĂ€hlen. Ich war noch nie der Selbstmordtyp gewesen, und ich habe auch zu viel Stolz, um mich so gehenzulassen, daß ich nur noch Opfer bin. Alle hatten sie mich abgeschrieben und aufgegeben, und ergo dachte ich grimmig: "Na wartet! Ihr steckt mich da so einfach in die Schublade fĂŒr hoffnungslose FĂ€lle, ihr denkt, der schafft das nie mehr? Jetzt werde ich's euch zeigen! Ich rĂŒhre diese Droge nie mehr an! Das hĂ€ttet ihr nicht erwartet, wa?!" Der Grund, warum ich aufhörte, hatte also auch mit Trotz zu tun. Der Satz aus WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO ist fĂŒr mich daher MĂŒll. Der ganze Drogenhickhack begann mich anzuöden, da er langsam langweiliger war als selbst der profanste 35-Stunden-BĂŒrojob. Das war fĂŒr mich genug Anreiz aufzuhören – ich mußte nicht "wissen wofĂŒr".

Ich hab dich 2004 erstmals getroffen, wĂ€hrend ich JUNKIE LOVE ins Deutsche ĂŒbersetzte. Ich lernte dich also durch das Buch kennen. Ich weiß noch, wie ich den Club suchte, wo du mit Fatal Shore gespielt hast, und mir dich vorzustellen versucht habe – ich erwartete eine Art fanatischen nichtrauchenden nichttrinkenden Keine-Macht-den-Drogen-Prediger. Es war dann unglaublich entspannend festzustellen, daß man mit dir auch ein paar gepflegte Bierchen trinken und ein paar Fluppen rauchen kann. Du beschreibst aber dieses PhĂ€nomen in JUNKIE LOVE: daß viele Ex-Junkies nach einem erfolgreich beendeten Entzug extrem besessen von der Idee sind, sich NICHT zu bedröhnen, so wie sie zuvor extrem besessen waren von der Idee, stĂ€ndig high zu sein. Du nahmst es aber nicht ganz so extrem, oder?

Doch, zu Beginn schon; ungefĂ€hr ein Jahr lang. Ich trank keinen Alkohol, rauchte nicht, ja nahm nicht mal Aspirin. Ich nahm an Therapiesitzungen teil, schrieb mich fĂŒr "Drogenfrei in 12 Schritten" ein und diesen ganzen Fez. Dann merkte ich aber, daß sich die Leute bei diesen Sitzungen ihren Kick dadurch zu holen versuchten, indem sie nur ĂŒber Drogen redeten und darĂŒber, wie sie heute beinahe schwach geworden und sich zugeknallt hĂ€tten. Dabei ließen sie ihren GefĂŒhlen freien Lauf, heulten, stöhnten, lachten – es kam mir so vor, als ob das Reden ĂŒber Drogen bei ihnen nun eine Art Surrogat war fĂŒr das Spritzen von Drogen, sie schienen hier wie da nur nach dem High zu lechzen. Man nennt das "sich mitteilen", und möglicherweise hilft es ja – aber fĂŒr mich war es ein EingestĂ€ndnis von SchwĂ€che. Es wurde zu einer Einbahnstraße: man starrte nur in seine Vergangenheit und erzĂ€hlte davon, aber konnte sich nicht von ihr lösen; wie Kriegsveteranen, die sich treffen und ĂŒber die alten Zeiten reden und darĂŒber, wer noch lebt und wer schon tot ist. Mir brachte es jedenfalls nichts mehr, also ging ich bald nicht mehr zu den Treffen hin und begann auch wieder Alkohol und Nikotin zu konsumieren. Ich war schließlich keine hochsensible Pflanze aus dem GewĂ€chshaus, die man vor dem Leben schĂŒtzen mußte! FĂŒr die Therapeuten bin ich nicht wirklich clean, weil ich Alkohol trinke; aber ich hatte mit Alkohol noch nie Probleme, nur mit Opiaten. Es gibt natĂŒrlich Leute, fĂŒr die gibt es kein Entweder-Oder, die haben sowohl mit Alkohol als auch mit H, Koks, Crack oder was auch immer Suchtprobleme. Wer so tickt, sollte wirklich ĂŒberhaupt nichts mehr nehmen, wenn er funktionsfĂ€hig bleiben will. Nur: ich ticke eben anders. Ich bin jetzt seit 1988 vom Heroin runter, und die paar Bierchen zwischendurch oder die eine oder andere Kippe bringen mich nicht um. Klar, in der ersten Zeit nach dem Entzug haben mir die Sitzungen schon geholfen, und es ist gut, daß es solche Einrichtungen wie Synanon gibt, denn manche Leute brauchen sowas rund um die Uhr und kommen nur so dauerhaft von den Drogen weg. Ich hab aber eben meinen privaten Weg gefunden.

Ich hab meine Übersetzung von JUNKIE LOVE diversen Verlagen in Deutschland angeboten und mußte mir Sachen anhören wie "Oh Gott, nein, Heroinromane interessieren heutzutage doch kein Schwein mehr, die Zeit des Heroin ist vorbei, heutzutage nehmen die Kids Ecstasy und Crack – und außerdem gibt’s doch schon genug Heroinliteratur: Christiane F., TRAINSPOTTING und Burroughs. Jeder weiß alles ĂŒber Heroin, Heroinromane sind doch ohnehin alle gleich, wir brauchen nicht noch einen!" Wie findest du das?

Wer sowas sagt, ist ein Idiot. Diese Typen scheinen nur Modetrends und Vermarktungsstrategien im Kopf zu haben. Ich stell mir da so einen flotten 35jĂ€hrigen Yuppie-Verleger vor, der in seinem netten HĂ€uschen am Rande von Stuttgart oder wo lebt, 50 Cent hört und glaubt, er habe dadurch "Street-Credibility". Das ist doch irre! Es gab in Westeuropa noch nie so viele Heroinkonsumenten wie heute, und seit die Taliban die Ärsche vollgekriegt haben, ist in Afghanistan wieder Ruhe, und die Mohnproduktion auf den Feldern lĂ€uft auf vollen Touren. Das Problem Heroin verschwindet nicht dadurch, daß irgendein dĂŒmmliches Lifestyle-Magazin behauptet, Ecstasy sei jetzt die "neue" (?!) Droge, Heroin ist nicht mehr im Scheinwerferlicht, aber es ist immer noch da, und zwar schlimmer als je.
Burroughs war ein Genie, aber er schrieb ĂŒber Heroin in einem völlig anderen Zusammenhang; damals war Heroin noch ein elitĂ€rer Zeitvertreib fĂŒr Intellektuelle der BohĂšme, fĂŒr Jazzmusiker, Filmstars und Kinder reicher Eltern. Christiane F.s Buch ist nur was fĂŒr Teenies, es ist gefĂŒhlsduselig, schluchzig und voller Klischees. Und TRAINSPOTTING ist zwar fetzig geschrieben, aber im Grunde nicht mehr als ein Comicstrip ĂŒber die Szene. Es ist ein Buch fĂŒr Leute, die sich ihre Kicks von anderen holen, fĂŒr Mittelstandsstudentinnen, die so viel Zeit und Geld haben, daß sie gar nicht wissen, was sie damit machen sollen. Sie lesen das Buch wie Voyeure, um "hip" zu sein, d.h. sie konsumieren die Infos zum Thema Drogen-Subkultur und speichern sie ab, und bei irgendeiner Cocktailparty geben sie dann mit ihrem Wissen ĂŒber diese "alternativen Lebenserfahrungen" an. So wird die ganze Drogenszene zum Modegag, und hier wĂ€ren wir wieder bei unserem hĂŒbschen Yuppieverleger aus der Vorortvilla von Stuttgart. Ich habe den Eindruck, daß die deutsche Verlagslandschaft unheimlich konservativ tickt, sie sind nicht bereit, irgendwelche Risiken einzugehen und nehmen nur, was sich auf dem US- oder UK-Markt bereits bewĂ€hrt hat. JUNKIE LOVE ist schon auf Englisch, Tschechisch und Italienisch veröffentlicht, diesen September kommt die griechische Ausgabe raus, und Random House/Bertelsmann haben kĂŒrzlich die Rechte fĂŒr den britischen und den Commonwealth-Markt gekauft. Na, wenn sich das Buch bei Random House verkauft, wird vielleicht auch mal ein deutscher Verlag aufmerken und sich dazu durchringen, es in Deutschland mit einer Auflage von 1000 StĂŒck zu versuchen!
Ich schreibe anders ĂŒber das Thema Sucht als alle oben erwĂ€hnten Dichter. Mir geht es um die Psychologie der Sucht, und das benutze ich als Metapher fĂŒr die Gesellschaftskaries, die jeden von uns schmerzt. In anderen Worten: das Buch analysiert das Problem, nur daß die Analyse verborgen ist zwischen den Zeilen einer scheinbar konventionellen Liebesgeschichte. Schauen die Leser der deutschen Yuppieverlage etwa nur auf den Titel und denken dann: "Oh, nein danke, dieses Thema wurde schon durchgenommen"?! Das wĂ€re ja, wie wenn man Flauberts MADAME BOVARY nicht drucken will, weil das Thema Liebe schon von genĂŒgend anderen Dichtern behandelt wurde!

An meinem 29. Geburtstag fragte mich Frank Bröker, ob ich Lust hĂ€tte, JUNKIE LOVE ins Deutsche zu ĂŒbersetzen. Ich kenne Frank von seinem Literaturmagazin HÄRTER her, das er seit 1996 herausgibt; schon bevor er nach Leipzig zog, war er einer der wichtigsten GeistesgrĂ¶ĂŸen des literarischen Undergrounds in Deutschland, und auch als Kollegen und Freund schĂ€tze ich ihn sehr. Wie und wann bist du auf Frank gestoßen?

Vor ein paar Jahren traf ich ihn zum erstenmal, als ich in Leipzig aus JUNKIE LOVE las. Eine Freundin hatte mir ein paar Seiten des Romans ins Deutsche ĂŒbertragen, und der Veranstalter der Show bat Frank, die deutsche Übersetzung zu lesen. Ich mochte ihn sofort, wir waren uns schnell sympathisch. Und dann diese wunderbare Stimme, mit der Frank las: tief, klangvoll und ausdrucksstark. Wie er die deutschen Passagen vortrug, das klang so klasse, daß ich wĂŒnschte, ich hĂ€tte das ganze Buch auf Deutsch geschrieben!

Wie entwickelte sich die Zusammenarbeit von dir, Frank und Makarios bei diesem Pratajev-Projekt? Offen gestanden war ich ĂŒberrascht, als ich 2004 erfuhr, daß du auch bei einem dieser Pratajev-Filme mitspielst, "auf den Spuren von Pratajev in Prag"!

Makarios war auch, zusammen mit seiner Frau und ein paar anderen Leuten, bei dieser Lesung dabei. Auch zu ihm fĂŒhlte ich mich ziemlich schnell hingezogen. Ich wußte ein bißchen was ĂŒber Die Art – sie waren bei Rough Trade Records unter Vertrag -, und ein Freund aus Dresden, Mirko Sennewald, hatte mir von dem Mann hinter der Band erzĂ€hlt. SpĂ€ter erfuhr ich dann, daß Makarios auch ein begnadeter bildender KĂŒnstler ist, seine GemĂ€lde sind sehr ausdrucksstark und voller erotischem Flair. Der Kerl ist ein vielseitig begabter KĂŒnstler. Er stellte mir dann das Projekt vor, "The Russian Doctors", an dem er und Frank arbeiten, und gab mir ihre CD. Die Musik klingt völlig anders als Die Art oder Wissmut, aber was mich darĂŒber hinaus faszinierte, das war dieses durchgeknallte Konzept um Pratajev, das sie entworfen hatten.
Ich erfuhr, daß die Songtexte der Russian Doctors von einem gewissen Sergej Pratajev stammten, einer Art besoffenen Version von Doktor Schiwago, und daß Pratajev in seinen jungen Jahren ein vielgelesener Dichter war, doch dann von Stalins Geheimpolizei beschattet und geĂ€chtet wurde. Seine Gedichte wurden zensiert und galten dann lange Zeit als verschollen, doch nach dem Ende des Kalten Krieges waren sie wieder aufgetaucht und auf wundersame Weise in die HĂ€nde der Russian Doctors gelangt. Diese beschlossen zu handeln und machten sich umgehend daran, Pratajevs Verse in Musik zu verpacken, um so das Genie des Mythos wiederauferstehen zu lassen. Klar, die ganze Geschichte ist erfunden (jedenfalls glaube ich das), aber das Konzept gefĂ€llt mir trotzdem. Ich erfuhr auch, daß es eine Sammlung von Kurzgeschichten gibt, in denen detailliert von den Abenteuern dieses russischen Fuselbarden berichtet wird. Ich schlug Makarios vor, er solle doch eine Story darĂŒber schreiben, wie Pratajev mit der Roten Armee 1945 in Prag einfĂ€llt, und Makarios sagte zu mir: "Warum schreibst du das nicht selbst?" Tja, so setzte ich mich also hin, gab mir die Aura des renommierten tschechischen Philosophieprofessors Lubos Bibecek und verfaßte eine vierseitige Geschichte zu dem Thema. Dann sagte Makarios: "Hey, warum machst du da keinen Film draus? Wir könnten den auf einer unserer DVDs unterbringen!" Klar, Geld war nirgends, und ich dachte: "Mensch, die Jungs verarschen dich doch bloß!" – aber andererseits hatte ich noch nie einen Film gedreht, also faszinierte mich die Idee, und ich bat einen Freund mit Digitalkamera, mir zu helfen. So mutierte ich zum versnobten BBC-Dokumentarfilmer "Charles Cockburn", der sich seinen zusammengesponnenen Weg durch die Prager Straßen bahnt und sich ĂŒber die historischen Orte auslĂ€ĂŸt, die Pubs und Bars, in denen Pratajev gesoffen, gevögelt und gedichtet hat. DafĂŒr, daß ich kein Drehbuch hatte und nicht den blassesten Schimmer, was ich eigentlich da machte, war es ein ganz guter Einstand von mir als Filmstar, hehehe!

Als was siehst du dich eigentlich – als Musiker, Schriftsteller, Dokumentarfilmer – oder zusammenfassend als "KĂŒnstler"?

Ich sehe mich als modernen Heiligen. Wenn mir die Menschen nur zuhören wĂŒrden, dann könnte ich die Welt retten.

An Zuhörern soll's nicht mangeln. Du kommst ja öfters nach Deutschland, du hast sogar eine in Berlin stationierte Band namens The Fatal Shore, die aus dir, Bruno Adams, Chris Hughes und YoYo Röhm besteht. Was bedeutet eigentlich der Name "Fatal Shore"?

"The Fatal Shore", zu deutsch "Die tödliche KĂŒste", war frĂŒher der Titel eines Volksliedes, das die Strafgefangenen auf den Deportationsschiffen sangen, mit denen sie im 18. und 19. Jahrhundert von England nach Australien transportiert wurden. Der Titel bezieht sich darauf, daß diese Leute wußten, daß sie, wenn sie an Australiens KĂŒste angelangt waren, nie wieder nach Hause kommen wĂŒrden, daß sie den Rest ihres Lebens hier in den Strafkolonien verbringen und dann auch hier sterben wĂŒrden. SpĂ€ter schrieb ein australischer Historiker namens Robert Hughes ein fantastisches Buch mit dem Titel "The Fatal Shore", in dem er auch von der BrutalitĂ€t erzĂ€hlte, die die Strafgefangenen dort von ihren Herren erdulden mußten. Das Buch ist wirklich klasse, ich kann es jedem nur empfehlen. Und da Bruno und Chris aus Melbourne kommen – sie sind mit Nick Cave und Mick Harvey befreundet und gehören der Melbourne-Berlin-Szene an, die sich Mitte der 80er hier entwickelt hat -, haben wir uns entschlossen, die Band nach jenem Lied und jenem Buch zu benennen. Ich bin dabei der englische Herr – ich muß diese australischen AussĂ€tzigen unter Kontrolle halten!

Du und Bruno Adams scheinen mir schon seit Urzeiten befreundet zu sein – ihr funktioniert auf der BĂŒhne perfekt zusammen.

Ich kenne Brunos Schwester Bronwyn noch aus London, sie hat da in einer Band namens Crime and the City Solution, einer von den Bad Seeds und den EinstĂŒrzenden Neubauten inspirierten Gruppe, Geige gespielt. 1996 war Bruno mit seiner Band Once Upon A Time in Prag, ich ging auf ihn zu und stellte mich vor, und so kam es zu The Fatal Shore. Wir ticken unheimlich gleich zusammen, ja, und er ist ein furchtbar großherziger, lieber, charismatischer Mensch. Chris Hughes ist ein genialer Drummer, ein richtiger Star, und YoYo Röhm ist sowohl Produzent als auch Baßgitarrist. Er bringt unsere neue CD raus und arbeitet auch mit Ben Becker, Richard Ruin, Martin Dean und Alex und Joachim von den Neubauten zusammen.

Nikki Sudden, ein Kollege und guter Freund von dir, ist vor kurzem, am 26. MÀrz, gestorben. Da ich Nikki auch kannte, hat mich diese Nachricht wirklich schockiert. Es gab mal eine Zeit, als ihr sehr eng zusammengearbeitet habt, nicht? Deshalb warst du bestimmt auch ganz schön schockiert?

Und ob, und auch wirklich traurig. Ich hatte ihn seit den Londoner Punk-Zeiten gekannt, und als er 1996 in Prag gespielt hat, haben wir unsere Freundschaft wieder aufgefrischt. Ich hab auf zwei Europatourneen 1997 und 98 in seiner Band Gitarre gespielt, und am Ende der zweiten Tour nahmen wir im Interpole-Studio in Berlin eine CD mit Songs auf, die wir gemeinsam verfaßt hatten. Leider ist diese CD, "Golden Vanity", nie veröffentlicht worden, da Nikki seinen Gesang noch einmal ĂŒberarbeiten wollte; ich hab nur ein Tape davon und keine Ahnung, wo die OriginalbĂ€nder sind, aber wenn ich es mir anhöre, klingt es fĂŒr mich einfach großartig, rauh, rĂ€udig, schmutzig, laut, atmosphĂ€risch dicht und spontan, einfach stark. Vielleicht taucht das Ding eines Tages ja wieder auf, wer weiß?

Nikki kam auch aus England und lebte in seinen letzten Jahren in Berlin; du lebst, wie ich oben bereits ausgefĂŒhrt habe, in Prag und spielst Konzerte in Berlin, Leipzig, Dresden, Griechenland, Ungarn und natĂŒrlich Tschechien. Das kommt einem ja schon etwas ungewöhnlich vor – dir ist ja aufgefallen, daß deutsche und auch osteuropĂ€ische Musiker oft lieber auf Englisch singen und sich englische Bandnamen geben, und London und New York sind angeblich die Nabel der Welt, was Kunst- und besonders Musikerkarrieren betrifft – und du und Nikki macht freiwillig alles andersrum und zieht demonstrativ aus der englischsprachigen Zone heraus!

Ja, du hast recht, das ist komplett pervers! Aber mich interessiert eine "Musikerkarriere" ohnehin nicht. Ich mach das ganze nur aus Spaß an der Freude und nicht, um mir irgendwann eine schicke Villa in Hollywood zu kaufen und dann als hirntoter Schwanzwedler zu enden, der sich fĂŒr einen Gott hĂ€lt, nur weil er 6 Millionen Platten im Jahr verkauft! Ich hasse diesen Musikbiz-Hype, diesen Marketing-Fez und den ganzen Teer, der nur dazu da ist, das Ego zu umgurren. Ich weiß, wovon ich spreche – damals in New York wollten einige reiche Plattenmoguln mit meiner alten Band Khmer Rouge einen Vertrag abschließen. Ich sagte nein. Mich interessiert das nicht.

Nikki sah das auch so – er wollte sich nicht "vom Apparat" des Musikmanagements und der Kulturkontrolleure "einsaugen" lassen, er blieb immer sein eigener Chef, er organisierte sowohl seine Konzerte selbst als auch die Vermarktung fĂŒr und den Verkauf seiner CDs, kurz: er fĂŒhrte trotz und wegen all dem ein unabhĂ€ngiges und selbstbestimmtes Leben. In JUNKIE LOVE schreibst du: "Ich wollte weder zum SchĂ€fchen noch zum Wolf mutieren – und was jetzt? Außer Anpassung und gefĂŒhlloser Ausbeutung muß es doch noch was geben, irgendwie muß es sich doch neben oder zwischen den Ritzen vernĂŒnftig arbeiten lassen, irgendwo mĂŒssen sich doch Leute finden, die Ă€hnliche Ideen haben und wissen, wie man sich kreativ am Rande durchschlĂ€gt, ohne daß einen negative GefĂŒhle und Zweifel auffressen." Das herauszufinden ist meines Erachtens sehr wichtig; ich denke, Nikki hat den Weg gefunden. Was meinst du? WĂŒrdest du von dir sagen, daß auch du ihn gefunden hast?

Doch, ich glaub schon. Ich fĂŒhl mich glĂŒcklicher als je zuvor, ich schreibe BĂŒcher, mache Musik und bin mit mir in jeder Hinsicht im reinen. Was kann ein Ex-Junkie noch mehr erwarten?

Du bist jetzt 54. Was planst du fĂŒr die Zukunft? Willst du, wie es Keith Richards mal ausdrĂŒckte, "so lange auf der BĂŒhne stehen, bis sie mich im Rollstuhl rauskarren mĂŒssen"?

Moment. Ich bin erst 53. Da ich am 18. Dezember geboren bin, werde ich erst am Ende dieses Jahres 54! Und ja, doch: ich kann's mir schon vorstellen, mit 80 auf einem Rollstuhl auf die BĂŒhne gekarrt zu werden – ich wĂŒrde mir dann aber noch ein Verdeck an den Rollstuhl montieren lassen. Sieht besser aus und ist auch bequemer! Übrigens ist der 18.12. auch Keith Richards' Geburtstag; Nikki hat mich darauf aufmerksam gemacht. Er war wohl etwas eifersĂŒchtig, daß ich es geschafft hatte, am selben Tag geboren zu werden wie sein grĂ¶ĂŸtes Idol!

Zum Schluß noch ein paar persönliche Fragen. Was ist dein LieblingsgetrĂ€nk (mit oder ohne Alkohol)?

Ganz klar: Whisky-Cola mit Jack Daniels.

Was machst du in deiner Freizeit – lesen, fernsehen, joggen?

Ich hab keine Freizeit. Doch, ganz im Ernst. Ich bin rund um die Uhr am Dichten und Komponieren.

Was sind deine Lieblingsschriftsteller?

Henry Miller, Louis Ferdinand Céline, William Burroughs, Lautréamont, Georges Bataille, Paul Leppin, Herman Ungar, Alexander Trocchi.

Und zu guter Letzt die Gretchenfrage: hast du irgendeinen Bezug zur Religion - Buddhismus, dem Papst, Hare Krishna?

Ich kann organisierte Religionen nicht leiden, sie machen doch ĂŒberall nur Ärger. Den Buddhismus hielte ich wohl noch am ehesten aus, er ist weit toleranter als Christentum, Judentum oder Islam. FrĂŒher hab ich mich viel mit Zen-Buddhismus beschĂ€ftigt, und das hat mich wohl schon stark beeinflußt. Aber es geht bei Zen ja auch mehr um Psychologie denn um Religion, und außerdem verlangt man dort nicht von einem, seinen eigenen Glauben auf Kosten eines anderen beweisen zu mĂŒssen. Kein Kreuzzug, kein Dschihad, keine SelbstmordattentĂ€ter, keine Kreuzigungen!

Phil, vielen herzlichen Dank fĂŒr dieses Interview! Ich hoffe, daß wir bald mal wieder zusammen auftreten können, so wie wir es letztes Jahr im Kaffee Burger (beim Punk-and-Spunk-Abend) in Berlin oder im MĂ€rz bei der Leipziger Buchmesse gemacht haben. Wenn JUNKIE LOVE unter seinem deutschen Titel FIXERLIEBE endlich veröffentlicht wird, bin ich sicher, daß einer ruhmreichen Zukunft nichts mehr im Wege steht!

***

 


shop press music gallery videos links contact imprint